Die alte Winzer-Kooperative von Felanitx

 

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Am Stadtrand von Felanitx im Südosten Mallorcas kann man ein aussergewöhnliches Gebäude finden, eine enorm grosse Anlage im Stil der Post-Modernismus-Architektur, die Bodega Cooperativa, örtlich auch als Celler Cooperatiu Es Sindicat bekannt. Dieser riesige Weinkeller wurde 1921-22 von Guillem Forteza erbaut, als Felanitx noch ein wichtiges Zentrum für die Weinherstellung war. Die Geschäfte dieser Kooperative wurden noch bis 1991 ausgeübt, bis dem Zusammenschluss die Puste ausging und man gezwungen war, das Unternehmen zu schließen.

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Das Gebäude wurde 2001 vom Consell de Mallorca zum BIC (Bien de Interés Cultural) erklärt, einer Art Baudenkmal. Leider ist die Pracht des Gebäudes zum Teil durch Vandalismus zerstört als auch von Graffiti verunstaltet worden.

Man sollte davon ausgehen, dass das Gebäude nicht betreten werden kann. Alle Eingänge sind zugemauert, obwohl etliche Öffnungen aus Unachtsamkeit oder durch Vernachlässigung gelegentlich offen angetroffen werden können. Ganz eindeutig ist der Zugang mit Gefahren verbunden und es bestehen Risiken für die Sicherheit der etwaigen Besucher. Die einstige Bodega ist seit nun über 25 Jahren nicht mehr für die Weinherstellung benutzt worden und folglich sind ihre Einrichtungen verfallen, baufällig, altersschwach und teilweise auch schon eingestürzt. Aber der Bau übt wegen seiner schieren Größe und seiner ehrgeizigen Dimensionen eine gewisse Faszination aus. Auch die visuelle Schönheit etlicher baulicher Details ist beeindruckend, ebenso wie die überwältigende Grösse der Einrichtungen für die Lagerung von unzähligen Hektolitern von Wein. Die Armee der massiven Betontanks wurde vor Ort konstruiert; sie dürften jeweils etwa 10.000 Liter oder mehr fassen. Es gibt etwa 130 dieser Tanks, so dass insgesamt etwa 1.500.000 Liter Wein mazeriert und dann dem Fermentierungsvorgang unterworfen werden konnten. Außerdem gibt es ein oder zwei Dutzend Zisternen-ähnlicher Lagertanks, die jeweils bis zu 30.000 Liter Fassungsvermögen haben dürften, sowie vier riesige, zylindrische Stahltanks im Außenbereich, die vielleicht jeweils 100.000 Liter Speicherkapazität oder sogar noch mehr haben. Man darf vermuten, dass seinerzeit hier auf der Insel ordentlich Wein getrunken wurde. Es gibt heutzutage auf ganz Mallorca keine einzige Bodega von dieser unglaublichen Größenordnung.

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Im Internet wird von einem Freundeskreis des alten Sindicat-Gebäudes eine interessante Internetseite betrieben, auf der man ausführliche Information finden kann. Auf dieser Website haben wir ein Video aus dem Jahr 1929 entdeckt, das den Bau des Gebäudes, den Weinherstellungsprozess und den Zugtransport von Bocoyes (Weinfässern aus Holz mit 640 Liter Fassungsvermögen) dokumentiert:

Unser Önologe, Luis Armero Gonzáles, arbeitete von 1982 bis 1986 als Leiter der Herstellung im Es Sindicat, bevor er seine eigene Bodega, Armero i Adrover, in Felanitx gründete. Während seiner Zeit dort produzierte die Winzergenossenschaft von Felanitx die erstaunliche Menge von 1.800.000 Litern Wein pro Jahr, zumeist Rosé, aber auch etwa 25% Rotwein und ca. 15% Weißwein.

Luis Armero Gonzáles

Das Rathaus von Felanitx hat über Jahre hinweg versucht, das Sindicat-Gebäude zu erwerben, mit der Idee, dort einen Ort für kulturelle und Wein-historische Belange einzurichten, eventuell unter Mithilfe des in Felanitx geborenen Künstlers Miquel Barceló. Diese Pläne sind allerdings nicht zum Tragen gekommen, und es wird derzeit überlegt, einen Antrag auf Enteignung zu stellen, da den derzeitigen Eigentümern Fahrlässigkeit vorzuwerfen sei und der gegenwärtige Zustand des Gebäudes eine Gefährdung für die Sicherheit der Öffentlichkeit darstelle. Mal sehen, wie es weitergeht.

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Die unglaubliche Vielfalt der Rebsorten auf den Balearen-Inseln

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Zwischen 1869 und 1891 veröffentlichte der Erzherzog Ludwig Salvator von Österreich ein faszinierendes Werk über die Balearen unter dem Titel Die Balearen – geschildert in Wort und Bild, mit über 6.000 Seiten in 9 Bänden. Ludwig Salvator, der fast 40 Jahre lang auf Mallorca ansässig war, lernte die Landessprache und befasste sich mit der Erforschung der örtlichen Flora und Fauna, der Geschichte und Kultur sowie der einheimischen Landwirtschaft, Architektur, des Handwerks und der Navigation, und vielem Anderen mehr.

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Diese außergewöhnliche Publikation ist heute in ihrer Originalausgabe extrem selten zu finden, aber bibliophile Liebhaber können einen Blick auf die Prachtbände werfen, indem sie die einzigartige Bibliothek der Fundación Bartolomé March im Palau March, direkt unterhalb des Palau de l’Almudaina in Palma, besuchen. Der Eintritt ist frei (Montag, Mittwoch und Freitag von 9:30 bis 14:00h, Dienstag und Donnerstag von 16:00 bis 20:00h).

Das Meisterwerk des Erzherzogs, das auf dem Gebiet der regionalen Studien der Balearen und deren Ethnologie ohnegleichen ist, wurde ausser auf Deutsch (online hier) auch komplett auf Spanisch veröffentlicht (1980-1991, Caixa d’Estalvis de les Balears, ‚Sa Nostra‘). Eine nur auf das Segment Mallorca beschränkte katalanische  Ausgabe wurde 1999 von der Grup Serra unter dem Titel Les Balears veröffentlicht.

Die enzyklopädische Originalveröffentlichung enthält in einem umfangreichen Kapitel über die Landwirtschaft auch einen ergiebigen Abschnitt über Reben, den Weinbau und die Weinherstellung mit der Beschreibung von 39 einheimischen Rebsorten auf Mallorca, Menorca und Ibiza. Der Erzherzog hat z. B. die Malvasia-Traube auf seinem Landgut in der Nähe von Valldemossa angebaut und gekeltert.

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Vor Kurzem veröffentlichte die Govern de les Illes Balears und ihre Abteilung für Umwelt, Landwirtschaft und Fischereiwesen ein äusserst nützliches und informatives Buch auf katalanisch über die heimischen Rebsorten auf den Balearen. Wenn Sie sich für Wein und die Weinherstellung auf Mallorca interessieren, sollten Sie sich das Vergnügen gönnen und dieses Buch erwerben, das reich an Details ist, in dem 28 autochthone Rebsorten auflistet werden, die als Keltertrauben für den Weinbau geeignet sind (Al·leluia, Argamuss, Batista, Batista mallorquin, Callet, Callet negrella, Escursac, Esperó de gall, Fernandella, Fogoneu, Fogoneu mallorquí, Gafarró, Galmeter, Giró negre, Giró ros, Gorgollassa, Malvasia de Banyalbufar, Mancès de capdell, Mancès de tibús, Manto negro, Moll, Quigat, Sabater, Sinsó, Valent blanc, Valent negre, Vinater blanc and Vinater negre), sowie weitere 10 Sorten, die als Tafeltrauben ausgewiesen sind (Calop blanc, Calop negre, Calop vermell, Joanillo, Mamella de vaca, Moscatell, Moscatell romà, Pepita de oro, Pepita rosada, Peu de rata).

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Natürlich gibt es auf Mallorca noch ein gutes Dutzend weiterer Rebsorten, die hier für die Weinherstellung angebaut werden, die allerdings überwiegend französischer, italienischer, spanischer oder deutscher Herkunft sind.

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Um die Dinge ein wenig komplizierter und vielleicht auch noch ein bisschen spannender zu machen, gibt es noch einige Keltertrauben, die derzeit auf Mallorca nicht für die Weinherstellung zugelassen sind, seien diese Rebsorten nun ausländischer, nationaler oder regionaler Herkunft.

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Oh weh, die Politik.

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Die Fotos der Trauben und des Weinfelds dieses heutigen Beitrags wurden von John Hinde aufgenommen. Besten Dank.